Cashew-Ernte: warum die teuerste Nuss der Welt durch Menschenhände geht
Eine Cashewfrucht sieht aus wie eine kleine Paprika, die jemand versehentlich an eine graue Bohne geklebt hat. Und genau diese Bohne ist der Grund, warum ich nach zwei Wochen Recherche beschlossen habe, nie wieder billige Cashewkerne aus dem Discounter zu kaufen, ohne zumindest zu wissen, was dahintersteckt.
Denn die Cashew-Ernte ist ein Fall für sich. Kein Baum schüttelt seine Kerne freiwillig ab. Keine Maschine hat es bis heute geschafft, die Schale wirtschaftlich zu knacken, ohne dass die darin enthaltene Flüssigkeit alles verätzt, was sie berührt. Und das erklärt eine ganze Menge über den Preis, den Sie im Supermarkt zahlen, und über die Bedingungen, unter denen die Menschen arbeiten, die diese Kerne ernten.
Wichtige Erkenntnisse
- Cashewkerne wachsen am Ende einer Frucht, nicht in ihr — die sogenannte Cashewfrucht ist nur das Anhängsel.
- Die Schale enthält Cardol und Anacardsäure, eine ölige Substanz, die Haut regelrecht verätzen kann.
- In vielen Herkunftsländern gibt es keine Handschuhe, keine Schutzkleidung, keinen Mindestlohn.
- Cashews sind Steinfrüchte, botanisch keine Nüsse — trotzdem zählen sie für Ernährungsempfehlungen als Nüsse.
- In Deutschland wächst kein einziger Cashewbaum im Freiland. Punkt.
Wie die Cashew-Ernte tatsächlich abläuft
Der Cashewbaum ist ein Tropenbaum, ursprünglich aus Brasilien. Heute wächst er in Vietnam, Indien, Nigeria, der Elfenbeinküste, Tansania und Indonesien. Der Baum wird etwa so hoch wie ein ausgewachsener Apfelbaum, und pro Saison hängen an einem guten Exemplar zwischen 2000 und 3000 Früchte.
Der Zeitpunkt entscheidet über alles
Die Frucht reift schnell. Sehr schnell. Wenn sie nicht innerhalb weniger Tage gepflückt wird, fault sie am Baum oder fällt einfach runter. Deshalb wird in vielen Plantagen schon geerntet, wenn die Frucht noch gar nicht reif ist. Klingt harmlos, ist es aber nicht: Unreife Kerne werden später kleiner, trockener und schlechter im Geschmack.
Die Ernte dauert in den meisten Anbauländern von Februar bis Mai. In Indien beginnt sie früher, in Vietnam oft etwas später. Wer einmal in dieser Zeit durch eine Cashewregion gefahren ist, weiß, was das bedeutet: Tagelöhner, die mit langen Stangen die Früchte vom Baum schlagen, Frauen, die die abgefallenen Früchte in Säcke sammeln, Kinder, die mithelfen. Kein Trecker. Keine Maschine.
Das Trennen ist die erste Falle
Nach dem Pflücken wird der Cashewapfel abgetrennt, oft mit einem Messer oder einfach per Hand. Der Apfel selbst ist übrigens essbar — dazu gleich mehr. Der Kern, die eigentliche „Nuss", bleibt in seiner harten Schale und wird tagelang in der Sonne getrocknet.
Und hier wird es unangenehm. Die Schale enthält Anacardsäure und Cardol. Das ist keine Theorie aus dem Labor, das ist die Realität der Hände, die das Zeug anfassen. Die Flüssigkeit verätzt die Haut. Sie dringt in kleine Risse ein, macht aus einem Kratzer eine offene Wunde, die wochenlang nicht heilt. In vielen Berichten aus indischen Verarbeitungsbetrieben ist von schwarzen Flecken auf Handrücken und Fingern die Rede, die nie wieder verschwinden.
Ist die Cashew-Ernte giftig — und wenn ja, wie gefährlich?
Ehrlich gesagt: Das Wort „giftig" wird dieser Sache nicht ganz gerecht. Giftig ist übertrieben. Ätzend trifft es deutlich besser.
Die Substanz in der Cashewschale heißt Cardol und ist mit den Wirkstoffen verwandt, die auch in der Giftsumach- oder Efeu-Pflanze stecken. Sie kann schwere Hautreaktionen auslösen. Wer in der Verarbeitung arbeitet und die Schale mit bloßen Händen anfasst, hat oft tagelang mit schmerzhaften Rötungen, Blasen und offenen Stellen zu kämpfen.
Was eine Verätzung konkret bedeutet
Aus Gesprächen mit einem kleineren Importeur, der Cashews aus Tansania nach Europa bringt, kenne ich diese Schilderung: Eine Arbeiterin hatte morgens mit dem Schälen begonnen, ohne Handschuhe. Bis Mittag hatte sie an beiden Händen so viele kleine, offene Stellen, dass sie nicht weiterarbeiten konnte. Sie wurde durch jemand anderen ersetzt. Kein Arztbesuch, keine Pause über den Tag hinaus.
Der Punkt ist nicht, dass Cashews unverantwortlich gefährlich sind. Der Punkt ist, dass die erste Stufe der Verarbeitung von der Bohne zum genießbaren Kern so gut wie immer noch von Menschen gemacht wird, die genau dieser Substanz ausgesetzt sind.
In Deutschland bekommt man davon nichts mit. Die Kerne kommen bereits geschält und geröstet an. Zwischen Ernte und Supermarktregal liegen mehrere Stationen, auf denen der größte Teil der Arbeit unter Bedingungen stattfindet, die kaum jemand beschreiben will.
Wie werden Cashewkerne geschält?
Auf zwei Wegen. Entweder maschinell, mit Hitze und Druck — schnell, aber mit Ausschuss und einem Teil zerbrochener Kerne. Oder von Hand, mit Spezialmessern, oft nach dem Erhitzen in einer Pfanne oder über offenem Feuer. Der zweite Weg ist der häufigere, der billigere und der unangenehmere.
Sind Cashew-Früchte essbar?
Ja. Und das ist die Frage, die mich am meisten überrascht hat, weil so wenige davon sprechen.
Die Cashewfrucht — auch Cashewapfel genannt — ist die gelb-rote Verdickung, an deren Ende der Kern hängt. Sie ist saftig, leicht säuerlich und wird in Brasilien und Teilen Afrikas zu Saft, Marmelade oder Kompott verarbeitet. In Indien gibt es aus dem Saft alkoholische Getränke, aus dem Fruchtfleisch Currys.
Das Problem ist die Haltbarkeit. Die Frucht fällt nach der Ernte innerhalb von 24 bis 48 Stunden in sich zusammen. Sie lässt sich kaum lagern, kaum transportieren. Deshalb sieht man sie in Deutschland praktisch nie im Handel, selbst im Feinkostladen nicht. Wer sie probieren will, muss in ein Anbauland reisen oder Glück mit einem Direktimporteur haben. Ich hatte das Glück noch nicht.
Kann man Cashews in Deutschland anbauen?
Nein. Nicht im Freiland, nicht auf dem Balkon, nicht im Gewächshaus.
Der Cashewbaum braucht eine Durchschnittstemperatur von mindestens 20 Grad über viele Monate, dazu eine Trockenzeit und eine Regenzeit in klar getrennten Phasen. In Deutschland gibt es weder das eine noch das andere in dieser Form.
Selbst in einem beheizten Gewächshaus würde das kaum funktionieren, denn ein ausgewachsener Baum wird sieben bis zwölf Meter hoch und braucht mehrere Jahre, bis er überhaupt Früchte trägt. Wer es trotzdem versuchen will, bekommt in spezialisierten Online-Shops junge Pflanzen — die aber nach spätestens einem Winter in einem normalen Wohnzimmer eingehen, weil Licht und Luftfeuchtigkeit nicht passen.
Kurz gesagt: Deutschland ist und bleibt Importland. Nach meiner Kenntnis wird in Europa in nennenswertem Umfang nur auf Sizilien und Andalusien experimentiert, mit bislang überschaubarem Erfolg.
Warum darf man nicht so viele Cashewkerne essen?
Die kurze Antwort: Weil sie einen sehr hohen Fettgehalt haben und man sich damit relativ schnell eine ganze Tagesration an Energie zuführt, ohne es zu merken.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt bei Nüssen und Samen eine Handvoll pro Tag. Wichtig zu wissen: Für diese Empfehlung spielt es keine Rolle, ob botanisch gesehen überhaupt echte Nüsse gemeint sind. Die DGE zählt sämtliche Nüsse, Kerne und Samen mit — auch botanische Schalen-, Hülsen- und Steinfrüchte. Und genau dazu gehören Cashewkerne botanisch betrachtet: Sie sind Steinfrüchte, keine echten Nüsse.
Was bedeutet das konkret? Eine Handvoll Cashews liegt bei etwa 20 bis 25 Kernen. Damit sind Sie versorgt. Wer eine ganze Tüte vor dem Rechner wegsnackt, isst also mehrere Portionen und mehrere hundert Kalorien, ohne sich satt zu fühlen.
Ein zweiter Punkt, den viele übersehen
Cashewkerne gehören zu den Nüssen, die bei empfindlichen Menschen allergische Reaktionen auslösen können. Wer bereits auf andere Nusssorten reagiert, sollte das beim ersten Kontakt mit Cashews im Hinterkopf behalten und nicht gleich eine ganze Packung ausprobieren.
Mein persönlicher Umgang mit der Sache: Ich habe mir eine kleine Schale abgefüllt und die Tüte weggeräumt. Klingt lächerlich, funktioniert aber. Sonst sind 200 Gramm weg, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe.
Welche Kritik gibt es an Cashewkernen?
Die Kritik ist berechtigt, und sie hat mehrere Ebenen.
- Arbeitsbedingungen: Die erste Verarbeitungsstufe ist gefährlich, wird schlecht bezahlt und findet in Regionen mit schwachen Schutzgesetzen statt.
- Pestizide: In konventionellen Plantagen kommen zum Teil Wirkstoffe zum Einsatz, die in der EU längst nicht mehr zugelassen sind.
- Kinderarbeit: In einigen Anbauländern arbeiten Minderjährige in der Ernte, trotz anderslautender Gesetze.
- Preisverteilung: Zwischen dem, was am Baum gezahlt wird, und dem, was Sie im Laden bezahlen, liegen mehrere Zwischenhändler.
- Intransparenz: Der Weg von der Pflanze zum gerösteten Kern ist für Endverbraucher kaum nachvollziehbar.
Was man tun kann: nach Fairtrade, Bio oder Rainforest Alliance suchen. Diese Siegel lösen nicht jedes Problem, aber sie schaffen Kontrollmechanismen, die es sonst nicht gibt. Fairtrade setzt unter anderem Mindestpreise, Bio verbietet bestimmte Pestizide, die in konventioneller Ware zulässig sind.
| Siegel | Was es konkret regelt | Grenzen |
|---|---|---|
| Fairtrade | Mindestpreis für Produzenten, Prämie für Gemeinschaftsprojekte | Gilt nur für zertifizierte Betriebe, nicht für alle Zulieferer |
| Bio (EU-Öko) | Verbietet synthetische Pestizide, strengere Rückstandsgrenzen | Sagt nichts über Arbeitsbedingungen aus |
| Rainforest Alliance | Umweltstandards, teilweise soziale Kriterien | Kontrollen stichprobenartig, Kritik an der Tiefe der Prüfung |
| Kein Siegel | Reine Handelsware | Keine Nachvollziehbarkeit der Herkunft |
Kein einziges dieser Siegel macht aus einem Cashewkern eine moralisch unproblematische Ware. Aber die Alternative — gar nicht hinzuschauen — ist mir zu einfach.
Was sich in der Produktion tatsächlich bewegt
Und dann gibt es noch die andere Seite, über die kaum jemand schreibt.
In Vietnam und Indien haben einzelne Betriebe begonnen, das Dampfverfahren zur Schalenöffnung einzusetzen. Dabei werden die Kerne unter Druck mit Wasserdampf behandelt, wodurch die Schale aufspringt, ohne dass die ätzende Flüssigkeit auf die Haut gelangt. Die Kerne brechen seltener, die Ausbeute steigt, die Arbeiter sind geschützt.
Das ist mehr Fortschritt, als die meisten Artikel über die Cashew-Ernte erwähnen. Aber es ist eben auch kein kostenloser Fortschritt: Solche Anlagen kosten Geld, und in Regionen, wo Tagelöhne im Centbereich liegen, rechnet sich die Investition für viele Betriebe schlicht nicht.
Was mich daran am meisten beschäftigt: Die Lösung liegt seit Jahren auf dem Tisch. Sie wird nur nicht überall genutzt, weil es billiger ist, Menschen die Arbeit machen zu lassen.
Ob sich das in den nächsten Jahren ändert, hängt an einer Frage, die niemand so richtig beantwortet: Wie viel darf ein Cashewkern kosten, damit er fair produziert werden kann — und sind wir bereit, diesen Preis zu zahlen?